von Bettina
Menschen, die mich nicht kennen, würde ich mich als sehr höflich, freundlich, bisweilen sogar liebevoll bezeichnen.
In meinem tiefsten Inneren bin ich aber gar nicht so nett. Eigentlich bin ich ein böser Mensch. Ich liebe es meine Mitmenschen genauestens zu beobachten, um in ihrem kleinen, perfekten Leben einen klitzekleinen Mißstand zu finden. Ist der erstmal gefunden, dann gibt es für mich kein Halten mehr und ich labe mich – meist verbal – an der Unperfektheit meines Gegenübers.
Meine nicht vorhandene Nettigkeit zeichnet sich auch darin aus, dass ich nette, verständnisvolle Gespräche nicht mag. Nur wenn eine gehörige Portion Zynismus, Sarkasmus und österreichische Morbidität mit im Spiel ist, dann blühe ich auf und gerate geradezu in Euphorie.
Nettigkeit ist also etwas, das ich nur sehr schwer ertragen kann. Vorallem, wenn es eine so grundfröhliche Nettigkeit ist.
Warum also muss gerade ich mir ein Wasserenthärtungssystem aussuchen, deren Filter ich nur in einem speziellen Teeladen bei uns bekomme und deren Besitzer vor lauter Nettigkeit schon ganz glitschig und schmierig wirken.
Sie verwenden so nette Sätze wie
“Ein gutes Teechen hilft die Nerven von der Mutti wieder zu beruhigen, nicht wahr?”
“So, mit o, welchen Tee, mit zwei ee, hätten sie den gerne.”
“Ich persönlich liebe ja gefiltertes Wasser. Fast so, als ob auch meine Seele mitgefiltert wird.”
“Mein Tipp gegen dieses graue Wetter ist ja Freude. Ich freue mich einfach, dass so nette Kundinnen wie sie zu mir kommen.”
Der letzte Satz veranlasste mich, fluchtartig den Laden zu verlassen.
Ich hastete raus, rannte zu meinem Auto und raste nach Hause. Zu Hause angekommen musste ich mich übergeben, schwor mir, nie wieder in meinem Leben nett zu anderen Menschen zu sein und legte mich völlig erschöpft aufs Sofa.
Da bemerkte ich, dass Sohn A. fehlt. Zurückgelassen im Teeladen.
Nunja – vermutlich ist er dort eh besser dran. Lernt er wenigstens Freude, Frohsinn, Sonnenschein und Nettigkeit kennen.
von Bettina
Wenn ich mit ungewaschenen Haaren, pickeliger Haut, schlecht sitzender Jeans, ausgelatschten Schuhen und einem uncoolen Pulli im nächsten Supermarkt eine Vorratspackung Tampons kaufe, dann sagt mir meine innere Stimme:
“Was bin ich nur froh kein berühmter Mensch zu sein! Stell dir mal vor, es würden mir jetzt und hier Paparrazi auflauern und Fotos von meiner jämmerlichen Gestalt machen. Wie gut, dass kaum jemand von meiner Existenz weiß.”
Aber an manchen Tagen, wenn ich aufgebrezelt wie ein Hollywoodstar das Haus verlasse, dann bereue ich es, in einem Dorf ohne Straßen zu wohnen, wo kein Mensch Notiz von mir nimmt. Wie schön wäre da so ein kleiner Fotograf vorm Haus und eine darauffolgende Publikation Bettina S. – schön wie immer – am Weg zu ihrem Agenten.
Oder wenn ich das Berliner Nachtleben in Begleitung eines jungen, attraktiven Mannes unsicher mache, dann stellt niemand Spekulationen über einen neuen Liebhaber aus Italien an – nein der einzige Mensch, den es interessieren könnte weiß, dass es mein Cousin ist.
Es ist also ein Dilemma mit der V.I.P. Sache. Will man berühmt sein oder nicht?
In Gedanken spielte ich heute also mal den Alltag eines Stars nach und merkte sehr schnell, dass es viele ungeklärte Fragen gibt.
Ich weiß zum Beispiel, dass Heidi Klum Kinder am laufenden Band kriegen kann und ihr Bauch, der Busen und der Hintern dabei wundersam straff und schön bleiben. Ich weiß aber nicht, ob Heidi allabendlich die Kinder ins Bett bringt, das Spielzeug in ihrem 500 m2 Loft eigenhändig wegräumt, dann die Küche putzt und anschließend lächelnd ein Liedchen von Seal hinnimmt.
Von der coolen Supermodelmutter Claudia Schiffer weiß ich, dass ihre Kinder lustige Namen haben, sie irgendwie immer sauber aussieht und ihr Mann einen halben Kopf kleiner ist als sie. Ich frage mich aber, ob sie beim lieblichen Ruf des Kindes “Mama, Kacka schwimmt oben Kloooo!” auch selber durchs Haus wuselt, erst mit einem Saugnapf versucht das verstopfte, bestückte Klo zu entleeren, um kurze Zeit später festzustellen, dass das liebliche Kind wohl irgendwann unbeobachtet im Keller das Abflußrohr verschlossen hat und der Rückstau mittlerweile bis in den 1. Stock reicht.
Bei kinderlosen, aber nicht minder berühmten Stars frage ich mich, ob diese auch gelegentlich feststellen, dass die Milch für den morgendlichen Kaffee fehlt. Ob die auch solche Momente kennen, wo man was machen will, aber nicht weiß was und darum in grenzenloser Langeweile einfach blöd vor sich hinschaut. Ob in solchen Haushalten auch mal vergessen wird die Unterwäsche zu waschen und man dann dieses keine-frische-Unterhose-da-Problem irgendwie lösen muss.
Haben die alle 24 Stunden-Nannys, unsichtbare Brösel-Wegputzer, imaginäre Klo-Reparier und heimliche Einkäufer um sich, oder tun die immer nur so als ob und in Wahrheit sind die Zuhause genauso hässlich wie wir und leben im Alltagschaos gelangweilt vor sich her?
Wenn dem so ist, dann verzichte ich auf den V.I.P Status und postiere einfach einen 1-Euro-Jober vor unserem Haus und publiziere diese Fotos dann einfach selber auf meiner Seite.
von Bettina
Blenden wir mal die wirklich und wahrhaftig furchtbaren, weltbewegenden Katastrophen aus und widmen wir uns meinem kleinen Mikrokosmos:
Wenn Sohn A. – ein dreiviertel Jahr vor Anspruch auf einen Kindergartenplatz – beschließt keinen Mittagsschlaf mehr zu halten, dann ist das eine
KATASTROPHE!