Den Friseur meines Vertrauens verlor ich, als ich vor acht Jahren Wien verließ. Es war mit Sicherheit einer der bittersten Abschiede inmitten all der bitteren Abschiede damals. Wusste ich doch, dass es schwer sein würde in der Ferne jemanden zu finden, der meine Borsten so schneidet, dass ich nicht einem Besen oder Stachelschwein ähnle.
Der Gang zum Friseur wurde somit zum Gang nach Canossa. Vor einem Besuch trug ich meist eine Frisur, die einem toten Tier sehr ähnlich war – man könnte es vergleichen mit einer toten Katze, die man sich auf seinen Kopf legt. Nach den Besuchen schwankte mein Aussehen zwischen Kampflesbe mit Feiertagsfrisur und Hausfrau, die mal einen pfiffigen Haarschnitt probierte. Ich suchte weiter und weiter und weiter.
Kaum hatte ich den vermeintlich perfekten Friseur, zogen wir um, kamen die Kinder (und somit war ein Friseurbesuch so planbar wie sonniges, warmes Wetter im November) oder der Friseurladen sperrte zu. Kurz und gut – ein Desaster.
Schwierig war auch immer die soziale Komponente bei einem solch wichtigen Termin. Ist die Friseuse eine Mandy mit sächsischem Akzent, die mir unaufhörliche ihre dumpfen Ansichten des Lebens mitteilt? Oder ist es eine nach schweiß riechende, dicke Frau, die ihren wogenden Busen auf meinen Schultern ablädt? Absolut unakzeptabel sind auch die hippen Friseure, die laut schallend Hip-Hop und Techno Musik verbreiten und ihm Takt hinter einem rumzappeln, als müssten sie ganz dringend aufs Klo.
Aber das interessanteste passierte heute. Der Laden war schön. Die Friseurin war nett. Sie schien kompetent und zurückhaltend. Perfekt.
Beim Haarewaschen erhielt ich eine wohltuende Kopfmassage. Und dann ging die Schnippselei los. Schweigend.
Alle schwiegen in dem Laden.
Drei Friseurinnen und zwei Kunden schwiegen.
Dazu tüdelte aus den Lautsprechern sanfte, leise Meditationsmusik.
Da schlief ich ein. Im Sitzen. Während die blonde Friseuse mit der Schere meine Borsten fransig schnitt.
Es ist reines Glück, dass ich nicht vom Stuhl auf die Schere fiel, mir das Gesicht aufschnitt und das Genick brach.
Reines Glück.
Demnächst findet ihr mich wieder in einem hippen, technobeatlastigen Friseurschuppen, wo ich mit den Worten begrüßt werde: “Hej, was geht?”
Bettina S., 33 Jahre, verheiratet mit einem Bayern, 2 Söhne (P. 6 und A. 4 Jahre), wohnhaft im Süden Deutschlands UND Österreicherin - mit Leib, Seele und was sonst noch dazu gehört!
