09
Okt
2007

Retz

von Bettina

Meine Liebe zu Retz ist groß. Sie ist so groß, dass andere Orte kaum die Chance haben, von mir gemocht oder entdeckt zu werden. Diese Liebe zu Retz lässt sich fast schon körperlich spüren – ein kribbeliges Gefühl, wenn ich daran denke und ein Glücksgefühl, wenn ich kurz davor bin, da zu sein.

Retz

Was macht Retz so besonders?

Viele Gläser Wein und redselige Menschen brachten mich wiedermal zum Nachdenken.

Man kann es schwer beschreiben. Es ist nicht ein Punkt, der großartig, einzigartig ist. Es sind wohl die vielen versteckten Liebreize, der Flair, der Wein, die Landschaft, die Leute und wahrscheinlich auch die Tatsache, dass ich dort nicht meinen Alltag verbringe und es immer eine Ausnahme darstellt in Retz zu sein.

Retz kann man unglaublich gut entdecken und dann beginnt man einfach, diese Stadt zu lieben. Sein Leben lang. Man kommt nicht mehr davon los.

Es ist wie bei der zwischenmenschlichen Liebe. Man liebt oft und viel, aber es gibt meist nur eine besondere, große und einzigartige Liebe.

Retz ist zum Beispiel so einzigartig, weil es heilen kann. Es hilft einem zu atmen, wenn man vor lauter Kummer und Sorgen keine Luft mehr bekommt. Wenn man zum Beispiel die Stadt hinter sich lässt und Richtung Windmühle den Hohlweg entlang geht. Dann kommt irgendwann auf der rechten Seite das Steinerne Bergerl. Klettert man da rauf, setzt sich auf den Stein mit Mulde und schaut Richtung Rathaus, dann wandelt sich der schlimmste Liebeskummer in einen Urschrei und weg ist er.

Funktioniert. Garantiert. Oft von mir getestet und genutzt!

Gollitsch

Oder der Gollitsch, der Hausberg von Retz. Stolze 230 Meter hoch, kann man dort Schi fahren, rodeln und Rad fahren. Man kann im Gras liegen und die Sonne genießen oder den Mond und die Sterne betrachten. Man kann auf einem Stein sitzen und laut und hemmungslos singen, weil man eine rundum Aussicht auf nahende Menschen hat. Man kann unbeobachtet von Eltern und sonstigen Erwachsenen seine erste Zigarette rauchen, sein erstes Bier trinken und seinen ersten Freund küssen.
Und es gibt sogar eine Hexenküche. Eine Steinformation, die kleinen Kindern auf gar magische Weise das Gefühl vermittelt, in einer eigenen Welt zu sein.

An klaren Tagen kann man von der Windmühle aus, den ca. 200 Kilometer entfernten Schneeberg und die Rax sehen. Und an nebeligen Tagen kann man nicht einmal den Rathausturm sehen, wenn man davor steht. In Retz geht sehr oft starker Wind. Wasser, um ihn sportlich nutzen zu können gibt es jedoch weit und breit nicht.

Ausgehen wiederum ist in Retz sehr vielfältig möglich. Man kann einen Abend gemütlich beim Heurigen verbringen – mit gutem Essen und noch mehr gutem Wein.

Althof Retz 

Man kann gut und gediegen und schön im ehemaligen Gutshof von Retz essen gehen und anschließend in einem Weinlokal ein, zwei, drei oder mehr Fluchtachterl trinken. Am häufigsten aber passiert, dass man eigentlich gar nicht weggehen wollte, nur mal kurz reinschaut und anschließend bei ein, zwei, drei oder mehr Achterl Wein hängen bleibt.
Irgendwie endet alles in Retz immer beim Wein.

Hauptplatz Retz

Es gibt noch soviele Dinge, die Retz einzigartig wunderbar machen. Die Farben in der Landschaft, wenn der Herbst beginnt. Am Hauptplatz in der Sonne sitzen und einen Kaffee trinken. Übers Klosterbrückerl gehen und mit den Fingern an der Steinmauer entlangschleifen. Bei der Windmühle sitzen und ins Land reinschauen. Sturm trinken und den ersten Wein verkosten. Eine Kellerpartie mit Essen und Trinken – mehr als einem gut tut. Der Rummelplatz am Weinlesefest und die Gemütlichkeit auf den Weintagen.

Aber das einzigartigste ist vermutlich, dass ich nach 14 Jahren nicht mehr da wohne und noch immer dort zu Hause bin.

Retz ist wie eine Droge für mich.
Zuviel würde mich vermutlich abstumpfen lassen gegenüber dem Schönen und Einzigartigen dieser Stadt.
Zuwenig wäre für mich eine Entwurzelung, die mich zum Fallen bringen könnte.
Die seltenen, aber intensiven Berührungen mit Retz hingegen füllen mich so gut aus, dass ich wochen-, ja sogar monatelang davon zehren kann.

Da draußen, in der großen, retzlosen Welt!



5 Kommentare zu “Retz”



  1. 1.    9. Oktober 2007    19:13 Uhr

    schöne beschreibung vom wirklich zauberschönen
    orten. kenne sie fast alle.
    nur das mit dem schifahren ……also, wie schreib ich nun weiter, eine auf den schiern zur welt gekommene kärntnerin, 230 m ……hm…. is das schon über der baumgrenze in retz ?


    malediva

  2. 2.    9. Oktober 2007    21:52 Uhr

    Fabelhaft, Bettina Du hast mit Deinen Zeilen in denen Du Deine Heimatstadt beschreibst, einen alten Mann, der eine britische Erziehung hat, ( crying is not for men ) fast zu Traenen gebracht. Das lezte mal, war ich mit einem Schulkollegen, Hans Neusser, der Inhaber der Buchhandlung Gerold am Graben in Wien, ( der schon gestorben ist ) in Retz beim einem Weinfest, schon vor einigen Jahren. Wir haben viele Gedanken die wir teilen: Die Liebe zu unserer Heimat und die Orte wo wir geboren sind. Das Schifahren gehoert dazu. Vielen Dank fuer Deine Aufnahmen von Egenburg, das noch eine schoenere Stadt wie frueher ist
    Sei herzlich gegruesst vom
    Walter.


    WALTER ALTBACH

  3. 3.    10. Oktober 2007    11:59 Uhr

    Wunderschön geschrieben, Bettina, und gilt auch für mich und viele andere, die IMMER in Retz wohnen und NIE weg möchten!


    Hermi

  4. 4.    15. Oktober 2007    12:53 Uhr

    Du hast unsere Heimat wunderschön beschrieben Betty….!
    Lg aus Retz


    Gaby

  5. 5.    3. Januar 2008    16:49 Uhr

    Liebe Bettina, ich habe beim Stöbern im Net deine wunderbare Seite von Retz entdeckt und bin sprachlos. Du beschreibst Retz so, wie auch ich es empfinde, wenn ich von Oberösterreich kommend, bei Pulkau den Berg runterfahre und das 1.mal in weiter Ferne die Windmühle sehe. Sehen kann sie ja nur ein Insider. Auch die Steinformationen am Golitsch und hinter der Windmühle, die mir als Kind desöfteren wie eine Märcheninsel vorkamen und wo man der Fantasie freien Lauf lassen konnte.Danke! von einer gebürtigen Retzerin.


    Herta Vaclavik



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Besitzerin

Bettina S., 33 Jahre, verheiratet mit einem Bayern, 2 Söhne (P. 6 und A. 4 Jahre), wohnhaft im Süden Deutschlands UND Österreicherin - mit Leib, Seele und was sonst noch dazu gehört!

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