Das Leben ist grausam. Im allgemeinen sowieso und bei mir natürlich ganz besonders. Ich kann mich zur Zeit nicht mal auf eine temporär begrenzte Grausamkeit verlassen – Dinge, die sich einfach innerhalb von ein bis zwei Tagen von alleine regeln. Nein, ich sehe mich mit ganz langfristigen, unkontrollierbaren und unabänderlichen Grausamkeiten konfrontiert.
Die Ungleichzeitigkeit des Lebens. Besser bekannt als: immer passiert alles dann, wenn es nicht passt. Mit 16 Jahren ist das klassische Problem der Freund. Man hat prinzipiell dann einen Freund, wenn die beste Freundin aus Mangel eines Freundes oder wegen Liebeskummer heulend am Bett liegt. Ist ihr Kummer geheilt und sie hat endlich wieder einen Freund, liegt man selber am Bett und heult vor Liebeskummer.
Dem Liebeskummer entwachsen wendet man sich im fortgeschrittenen Alter anderen Ungleichzeitigkeiten zu. Zum Beispiel der Gegenläufigkeit von Alter, Aussehen und was man davon hat.
Angeblich ist das Alter der Frau Mitte Dreißig am besten. Voilá – da wäre ich. Fast. Also kurz davor halt. Und teilweise stimmt es auch. Meine Haut ist endlich pickelfrei. Falten sind noch keine da und die, die sich so vage andeuten lassen, verleihen meinem Gesicht eine gewisse interessante Note. Haare habe ich noch in Hülle und Fülle und mein Körpervolumen lässt sich dank innovativer Wäsche auch noch problemlos in Position bringen.
Psychisch bin ich so weit gereift, dass ich sowohl alleine ins Kino gehen kann, ohne dabei auch nur den Hauch eines seltsamen Gefühls zu verspüren und ich kann in Bars auf zu spät kommende Menschen problemlos eine Stunde warten, ohne krisengebeutelt hysterisch auf meinem Handy rumzudrücken und den Zuspätkommenden zu verfluchen – im Gegenteil, man kann Müttern solche Auszeiten ruhig gönnen. Sie verfallen dann meist in ein leicht debiles, in sich gekehrtes Grinsen, nippen glückselig an ihrem Cocktail und lassen vergangene Jahre Revue passieren, in denen sie noch in einem anderen Universum lebten.
Da bin ich also nun – fast Mitte Dreißig. Sehe blendend aus. Bin eloquent und witzig und manchmal auch geistreich.
Und nun die Grausamkeit:
Was habe ich davon?
Nun, mein Mann, der die Mitte Dreissig bereits überschritten hat, der darf sich täglich an diesem blühenden Leben ergötzen. Keine Frage – es freut mich sehr, wie gut es ihm dabei geht. Aber was ist mit mir?
Mitte Zwanzig, im Leben unterwegs wie eine räudige Hündin auf Jagd nach lebenslanger Beute, da war ich pickelig, hatte ständig eine unpassende Frisur, trug grauenhafte Brillen und hatte desöfteren einen Selbstbewußtseinsfaktor von -10. Dieses unreife, noch nicht erblühte Wesen damals hatte aber eindeutig mehr Spaß, als diese erblühte Orchidee, Dahlie, Forsythie, Veilchen, Rose, Tulpe, Nelke oder als was auch immer man mich jetzt bezeichnen würde.
Wo bitteschön promenieren diese wunderbaren Wesen, in diesem wunderbaren Alter? Man mag ja nicht auf Beutezug gehen. Die Beute zu Hause ist ja großartig, einzigartig und noch überhaupt nicht angedacht zum Austauschen. Man mag doch einfach nur blühend durch die Gegend stolpern und mit einem wohligen Gefühl nach Hause kommen. Spielplätze, Supermärkte, öffentliche Bibliotheken und Baumärkte scheiden aus. Bäder aller Art auch, da ich dort nicht meine figurformenden Wäscheteile tragen kann. Dasselbe gilt auch für Sportstätten aller Art – außer Rugby und dafür bin ich zu wehleidig.
An Schaufenstern vorbeidefilieren – das wäre es vielleicht. Bei strahlendem Sonnenschein, mit hochhackigen Schuhen, Sonnenbrille und Prosecco schon am Vormittag. Das könnte funktionieren. Doch dafür braucht man die passende Begleitung. Weiblich, ebenbürtig und mindestens so bösartig wie ich.
Und jetzt kommt die grausamste aller Ungleichzeitigkeiten: Ich habe sie zurückgelassen. In Berlin. Jetzt, wo endlich meine Kinder im Kindergarten sind, die Sonne scheint und ich Zeit hätte, da liegen 600 KM zwischen uns.
Ob ich so eine Frau wohl in München kennenlerne? Wird schwer werden.
Bettina S., 33 Jahre, verheiratet mit einem Bayern, 2 Söhne (P. 6 und A. 4 Jahre), wohnhaft im Süden Deutschlands UND Österreicherin - mit Leib, Seele und was sonst noch dazu gehört!

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