von Bettina
Das Wort Fachkräftemangel geistert nun schon seit Jahren durch die Medien. Fachkräfte werden brachenübergreifend, händeringend gesucht. Sie werden dann aus Indien, Russland oder sonst woher importiert, während man die landeseigenen Fachkräfte von dannen ziehen lässt. Vielleicht weil sie zu fachlich oder zu kräftig waren. Seis drum.
Dass es in Deutschland aber noch wirklich sehr gute Fachkräfte gibt, bewies mir neulich eine äußerst engagierte Bäckereifachverkäuferin.
Verkäuferin führt in Ruhe ein Privatgespräch zu Ende und tritt gemächlich an den Tresen. Ich deute in Richtung Brotregal und sage:
“Grüß Gott! Welches könnten Sie mir denn heute empfehlen?”
Leerer Blick meines Gegenüber:
“Ein Brot!”
“Äh, ja – das meinte ich. Also ich hätte gerne ein kräftiges, dunkles Brot. Welches können Sie denn da empfehlen?”
Zeigt auf einen Wecken reinstes Weißbrot.
“Des da!”
“Nein, das ist mir zu hell. Was ist denn in dem Brot alles drinnen?” (Ich zeige auf ein Brot mit vielen Körnern)
“Mehl”
Wie war ich glücklich. Endlich konnte mir jemand sagen, was in so einem Brot drinnen ist. Und ich vermutete immer es sei Tapetenkleister mit Sand.
von Bettina
Das Leben ist grausam. Im allgemeinen sowieso und bei mir natürlich ganz besonders. Ich kann mich zur Zeit nicht mal auf eine temporär begrenzte Grausamkeit verlassen – Dinge, die sich einfach innerhalb von ein bis zwei Tagen von alleine regeln. Nein, ich sehe mich mit ganz langfristigen, unkontrollierbaren und unabänderlichen Grausamkeiten konfrontiert.
Die Ungleichzeitigkeit des Lebens. Besser bekannt als: immer passiert alles dann, wenn es nicht passt. Mit 16 Jahren ist das klassische Problem der Freund. Man hat prinzipiell dann einen Freund, wenn die beste Freundin aus Mangel eines Freundes oder wegen Liebeskummer heulend am Bett liegt. Ist ihr Kummer geheilt und sie hat endlich wieder einen Freund, liegt man selber am Bett und heult vor Liebeskummer.
Dem Liebeskummer entwachsen wendet man sich im fortgeschrittenen Alter anderen Ungleichzeitigkeiten zu. Zum Beispiel der Gegenläufigkeit von Alter, Aussehen und was man davon hat.
Angeblich ist das Alter der Frau Mitte Dreißig am besten. Voilá – da wäre ich. Fast. Also kurz davor halt. Und teilweise stimmt es auch. Meine Haut ist endlich pickelfrei. Falten sind noch keine da und die, die sich so vage andeuten lassen, verleihen meinem Gesicht eine gewisse interessante Note. Haare habe ich noch in Hülle und Fülle und mein Körpervolumen lässt sich dank innovativer Wäsche auch noch problemlos in Position bringen.
Psychisch bin ich so weit gereift, dass ich sowohl alleine ins Kino gehen kann, ohne dabei auch nur den Hauch eines seltsamen Gefühls zu verspüren und ich kann in Bars auf zu spät kommende Menschen problemlos eine Stunde warten, ohne krisengebeutelt hysterisch auf meinem Handy rumzudrücken und den Zuspätkommenden zu verfluchen – im Gegenteil, man kann Müttern solche Auszeiten ruhig gönnen. Sie verfallen dann meist in ein leicht debiles, in sich gekehrtes Grinsen, nippen glückselig an ihrem Cocktail und lassen vergangene Jahre Revue passieren, in denen sie noch in einem anderen Universum lebten.
Da bin ich also nun – fast Mitte Dreißig. Sehe blendend aus. Bin eloquent und witzig und manchmal auch geistreich.
Und nun die Grausamkeit:
Was habe ich davon?
Nun, mein Mann, der die Mitte Dreissig bereits überschritten hat, der darf sich täglich an diesem blühenden Leben ergötzen. Keine Frage – es freut mich sehr, wie gut es ihm dabei geht. Aber was ist mit mir?
Mitte Zwanzig, im Leben unterwegs wie eine räudige Hündin auf Jagd nach lebenslanger Beute, da war ich pickelig, hatte ständig eine unpassende Frisur, trug grauenhafte Brillen und hatte desöfteren einen Selbstbewußtseinsfaktor von -10. Dieses unreife, noch nicht erblühte Wesen damals hatte aber eindeutig mehr Spaß, als diese erblühte Orchidee, Dahlie, Forsythie, Veilchen, Rose, Tulpe, Nelke oder als was auch immer man mich jetzt bezeichnen würde.
Wo bitteschön promenieren diese wunderbaren Wesen, in diesem wunderbaren Alter? Man mag ja nicht auf Beutezug gehen. Die Beute zu Hause ist ja großartig, einzigartig und noch überhaupt nicht angedacht zum Austauschen. Man mag doch einfach nur blühend durch die Gegend stolpern und mit einem wohligen Gefühl nach Hause kommen. Spielplätze, Supermärkte, öffentliche Bibliotheken und Baumärkte scheiden aus. Bäder aller Art auch, da ich dort nicht meine figurformenden Wäscheteile tragen kann. Dasselbe gilt auch für Sportstätten aller Art – außer Rugby und dafür bin ich zu wehleidig.
An Schaufenstern vorbeidefilieren – das wäre es vielleicht. Bei strahlendem Sonnenschein, mit hochhackigen Schuhen, Sonnenbrille und Prosecco schon am Vormittag. Das könnte funktionieren. Doch dafür braucht man die passende Begleitung. Weiblich, ebenbürtig und mindestens so bösartig wie ich.
Und jetzt kommt die grausamste aller Ungleichzeitigkeiten: Ich habe sie zurückgelassen. In Berlin. Jetzt, wo endlich meine Kinder im Kindergarten sind, die Sonne scheint und ich Zeit hätte, da liegen 600 KM zwischen uns.
Ob ich so eine Frau wohl in München kennenlerne? Wird schwer werden.
von Bettina
Früher, als die Welt noch in Ordnung war, die Luft rein und klar und das Essen nicht kontaminiert mit Schadstoffen, da hat man ganz normal, im kleinen vertrauten Kreis seinen Lebenspartner kennengelernt. Beim Dorffest zum Beispiel. Die Mädels fesch im Dirndl und die jungen, brunftigen Männer in der eingetragenen Lederhos’n. Die Mädels dufteten höchsten nach Puder, meistens aber nach Essen, putzen oder Wäsche waschen. Die männliche Dorfjungend hatte vermutlich die Haare mit Pomade ins rechte Licht gerückt und der Körpergeruch war vermutlich recht eigenbestimmt, da das Dorffest selten mit dem Badetag zusammen fiel. Nun denn. Männlein und Weiblein trafen also aufeinander, rochen nach sich selbst, konnten sich ungestört becircen und beflirten und wurden akustisch höchstens durch einen Tusch der örtlichen Dorfblasmusikkapelle gestört. Idylle pur.
Ein Sprung hundert Jahre weiter.
Dorffeste gibt es kaum noch. Und wenn, dann sind sie so beschallt, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Und geruchlich kann man sich ja sowieso nirgendwo mehr herantasten, da billige Imitatparfums aus dem letzten Mallorca-Urlaub jegliche Geruchsanbahnung unterbinden. Also lernt man sich irgendwo, irgendwann, irgendwie kennen. Ganz ungeduldige oder ungeliebte Menschen rufen sogar das Orakel einer rein virtuellen Partnerschaftsvermittlung an. Manche lassen sich auch auf organisierte Blind-Dates von Freunden ein, die vermutlich das Sudern nicht mehr ertragen können oder sich einen wirtschaftlichen Mehrwert aus der möglichen Allianz zweier Freunde erhoffen.
Selbst auf dem Weg zu abendlichen Veranstaltungen, Treffen, Feiern, etc. hat man ja keine Chance mehr ein vielleicht interessantes Pendant kennenzulernen. Nix sehen, nix hören, nur sich selbst riechen. Ich gebe zu – ich gehöre auch dazu. Nur, ich habe mich ja schon erfolgreich an einen paarungswilligen Mann heran geschnuppert und geflirtet. Wenn man aber heutzutage in der U-Bahn sitzt, dann wundert man sich nicht, dass partnerschaftswillige Menschen heutzutage kaum noch zueinander finden. In jedem Ohr ein Stöpsel voll mit berieselnder Musik, die Augen sind entweder mit einer Sonnenbrille bedeckt oder stieren sinnentleert aus dem Fenster. Und riechen – riechen tut schon lange niemand mehr nach sich selbst. Wenn sie dann in einer vollgestopften Kneipe/Club/Bar/Disco voll balzender Menschen angekommen sind, trifft eher der Spruch zu “vor lauter Bäumen keinen Wald sehen”, als ungestört das Terrain sondieren.
Hat sich denn die Wichtigkeit des Beschnupperns noch nicht herumgesprochen? Weiß denn niemand mehr, wie betörend der Klang einer Stimme sein kann? Wenn dann auch noch ein bisschen Alkohol dazukommt, kann das zu wahrlichen emotionalen Explosionen führen.
Ich rufe daher auf zum ungeschwaschenen Treffen auf einer bunten Blumenwiese. Mit nichts als guten Gesprächen, unverfänglichem Herumschnuppern und zwischenmenschlichen Kontakten.
Daraus resultierende Kinder stellen auch die ideale Grundlage für eine umweltbewusste Erhaltung unseres ach so verkommenen, verunreinigten Planeten dar.
Blumenkinder – kommt zurück!