Ich selber würde mich einer fremden Person folgendermaßen beschreiben:
nicht allzu groß
Ende Zwanzig
etwas zu mopsig
dunkelblonde Haare
schweigsam
Ich wäre also das Idealbild der drallen, vermutlich immer fröhlichen, Hausfrau eines durchschnittlichen deutsch/österreichischen Haushalts. Eine feine Sache. Durchschnitt ist immer gut.
Wenn ich mich in hellen Momenten allerdings richtig und vorallem realistisch betrachte, muss ich feststellen, dass ich bald 34 Lenze zähle, weibliche Mitmenschen meist um einen halben Kopf überrage, großartige Idealgewichtsrechner besagen, dass ich ein wunderbares Idealgewicht an der eher unteren Grenze habe und meine Haare sind dunkelbraun bis schwarz – ungefärbt! Die Beschreibung schweigsam ist so eine Sache – wenn man bedenkt, dass ich die Hälfte dessen, was ich mir in meinem Kopf zusammen denke NICHT ausspreche, dann bin ich tatsächlich schweigsam. Wenn man das allerdings nicht berücksichtigt, dann wäre die Eigenschaft schweigsam genauso zutreffend wie die Behauptung, dass ich ein Mann bin.
Diese akute Wahrnehmungsstörung könnte man psychologisch vielleicht dahingehend erklären, dass ich krampfhaft versuche ein Idealbild von mir zu bewahren, das so nicht existiert. Das wäre aber – psychologisch betrachtet – extrem bedenklich, denn weder mag ich klein, noch mopsig, noch dunkelblond sein. Nur mit der Umschreibung Ende Zwanzig könnte ich ausgesprochen gut leben. Besser wäre noch Anfang Zwanzig…
Warum also lege ich derart münchhausenerische Eigenschaften an den Tag? Kompensiere ich den Verlust eines Menschen und versuche ihn so in der Erinnerung wach zu halten? Auch nicht möglich. Mir liebgewonnene, aber leider verlorengegangene Menschen, waren nie klein, dick, dunkelblond und schweigsam. Das wäre so, als ob David und Goliath eine enge Freundschaft gepflegt hätten.
Ich lebe nun also mit diesem leicht schizophrenen Wesenszug vor mich hin und messe ihm nicht allzuviel Beachtung bei. Entstandene Verwirrungen löse ich meist mit einer lapidaren der-Alkohol-war-Schuld-Erklärung auf.
Wirklich zu denken gab mir allerdings ein Gespräch, in dem ich beschreiben sollte, wie denn mein Alltag so aussieht:
lange schlafen
in Ruhe Frühstücken
ein bisschen schreiben
ein bisschen einkaufen
in Ruhe Mittag essen
lesen
schlafen
arbeiten
in Ruhe Abendessen
lange weggehen und in Ruhe wiederum ausschlafen
Etwas irritiert fragte mich mein Gegenüber
“Und deine Kinder? Was machen die so lange?”
“Kinder? Wieso Kinder? Ich habe doch keine Kinder!!!”
Ich werde in nächster Zeit wohl doch einen Therapeuten aufsuchen müssen.
Bettina S., 36 Jahre, verheiratet mit einem Bayern, 2 Söhne (P. 7 und A. 5 Jahre), wohnhaft im Süden Deutschlands UND Österreicherin - mit Leib, Seele und was sonst noch dazu gehört!