In einer “virtuellen Selbsthilfegruppe der Auslandsösterreicher” habe ich Walter Altbach kennengelernt. Walter lebt seit knapp 70 Jahren in Südamerika. Sehr schnell stellte sich heraus, dass er aus Eggenburg kommt. Einer kleinen niederösterreichischen Stadt, nicht weit von Retz entfernt. Ich machte mich im Internet auf die Suche nach einem Walter Altbach. Es fand sich nichts. Kein Eintrag, keine auch nur so kleine Erwähnung einer Familie Altbach in Eggenburg. Das stimmte mich nachdenklich. Warum war Walter ausgewandert? Ich fragte bei ihm nach und daraufhin schickte er mir das Manuskript seines Buches, das in Amerika erfolgreich verlegt wurde “The memoirs of an immigrant and his ashtray”.
Dieses Buch hat mich in meinen Grundfesten erschüttert. Es schildert die Ängste und Sorgen und Leiden des jungen Walter in den Kriegswirren und die Zeit des Neuanfangs danach.
Walters Familie ist jüdisch. Sein Vater hatte in Eggenburg eine Möbelfabrik aufgebaut und seine Söhne genossen eine mehr oder weniger unbeschwerte Kindheit und Jugend. Dann kamen die Nazis und die Idylle wurde zerschmettert. 1938 musste die Familie Altbach innerhalb von 5 Stunden ihr Habseligkeiten zusammen packen und wurde aus Eggenburg fortgejagt. Die Familie flüchtete nach Wien. Eggenburg rühmte sich übrigens damit die erste judenfreie Gemeinde Österreichs gewesen zu sein. Von Wien aus konnten Walter und sein Bruder mit Hilfe der jüdischen Gemeinde nach Großbritannien weiterfliehen wo sie die Kriegsjahre über schwerste Arbeit auf Bauernhöfen leisten mussten, um zu überleben.
Jahre später traf Walter seine Familie bei einem Bruders seines Vaters in Argentinien wieder. Sei hatten den Wahnsinn überlebt. Über solange Zeit nicht wissend, wie es den anderen geht, lebten sie nach dem Krieg gemeinsam in Südamerika weiter.
Dieses Schicksal von Walter und seiner Familie hat mich sehr berührt. Plötzlich waren die Grauen des 2. Weltkrieges so nah. Besuche von KZs, Dokumentationen im Fernsehen, Filme oder Bücher – all’ diese Zeitzeugnisse erreichen nicht die Intensität, diese Nähe, die man plötzlich spürt, wenn die Stimme ein Gesicht erhält, wenn eine Geschichte plötzlich an einer Person festzumachen ist, die man kennt. Man erreicht dabei eine Punkt, an dem der Verdrängungsmechanismus nicht mehr funktioniert. Man kann es nicht mehr abtun als die Lebensgeschichte von irgendjemanden. Nein, es ist die Geschichte von Walter. Von einer Familie in der Nähe meiner Heimat, die binnen Stunden ihr Zuhause verlassen musste, in eine ungewisse Zukunft voller Angst.
Als ich das letztemal in Retz war, fuhr ich für Walter nach Eggenburg, um Fotos zu machen. Er hat seine Heimatstadt seit mehr als 20 Jahre nicht gesehen und ich wollte einfach für ihn “das Auge” sein. Ich besuchte für ihn auch sein Geburtshaus – die Möbelfabrik(MÖFA) – in dem sich mittlerweile das Motorradmuseum befindet. Auf einer Chroniktafel des Museums fiel mir auf, dass es keinen Hinweis auf diese Möbelfabrik gibt. Gelöscht. Ein Loch klafft zwischen 1920 und 1949 – als ob da nie etwas gewesen wäre. Ich wendete mich an den Stadtarchivar der Stadtgemeinde Eggenburg und erzählte ihm Walters Geschichte. Die Familiengeschichte der Altbachs findet großes Interesse. Die Dinge kommen in Bewegung. Eine neue Chroniktafel wird geschrieben, auf der die Zeit der MÖFA festgehalten ist.
Es sind kleine Dinge, die man jetzt noch verändern kann, aber sie bewirken etwas Wichtiges. Walter und seine Familie wird nicht vergessen. Wer jetzt über Google die Geschichte dieser Familie sucht, der stolpert zumindest über meinen Artikel. Es gibt Walter Altbach und seine Familie wieder als Teil der Geschichte von Eggenburg.
Meine und Walters Heimat ist dieselbe, er musste gehen und ich wollte. Und durch irgendwelche Fügungen des Schicksals haben wir uns getroffen. Er in Peru, ich in Berlin!
Bettina S., 33 Jahre, verheiratet mit einem Bayern, 2 Söhne (P. 6 und A. 4 Jahre), wohnhaft im Süden Deutschlands UND Österreicherin - mit Leib, Seele und was sonst noch dazu gehört!
