Männern im Allgemeinen sagt man ja nach, dass sie nicht gerne Emotionen zeigen. Vermutlich weil sie es nicht können. Ist nicht logisch genug, darum entbehrlich.
Ich bin mir sicher, dass genau aus diesem Grund der Fußball erfunden wurde. Lang aufgestaute Emotionen konnten so endlich raus. Man gab sich keine Blöße mehr, wenn man weinte, lachte, schrie, umarmte, denn der Grund war ja einzig und allein – der Fußball.
Ein Stück weit kann ich es auch nachvollziehen. Wann schon hat man in seinem Leben die Chance völlig hemmungslos fremde Menschen zu umarmen, die vermutlich schwitzen, nach Bier riechen und eine völlig vergrölte Stimme haben. Aber es hat was. Es ist ein bisschen so, wie die letzte derbe, animalische Seite ausleben können, die man irgendwo versteckt in sich vermutet.
So auch gestern. Österreich gegen Polen. Astreiner Fußball, man muss sich in keinster Weise für die österreichische Elf schämen. Damit Mitfiebern auch so richtig Spaß macht, trifft man sich im österreichischen Rudel, trägt rot-weiße Leiberl und singt bei der Bundeshymne inbrünstig mit. Nach kurzer Zeit war einigen Personen klar – es ist uns natürlich wichtig, dass Österreich ein Tor schießt, um zu gewinnen, aber noch wichtiger wäre es uns, das Österreich ein Tor schießt, damit wir in die Höhe springen können, schreien bis zum Umfallen und uns dann glückselig in die Arme fallen.
Also, liebe österreichische Nationalmannschaft. Schießt gegen Deutschland bitte viele, viele Tore. Natürlich, um zu gewinnen, aber vor allem, dass ich wieder so großartig springen, schreien und umarmen kann!
Wenn man mich kennenlernt ist man sich nicht immer ganz sicher: ist die Frau von natur aus so seltsam oder hilft sie mit verbotenen Substanzen nach?
Ein für allemal geklärt: ich bin naturtrüb. Das ist sehr praktisch. Ich kann mich damit manchen Verantwortungen entziehen – ähnlich einem Kleinkind, dem man auch nicht alles zutraut und misslungene Sachen einfach verzeiht, weil es ja noch so klein ist.
Eine gewisse Naturtrübheit erlangt man aber nicht einfach so. Nein, die muss gehegt und gepflegt werden. Tagtäglich. Mein ganz persönliches Patentrezept dafür ist, dass ich jede Zelle meines Körpers glücklich mache:
Hinweis am Rande: hilft nur dann, wenn man sich das Video nebst Beschallung mindestens 5x hintereinander anhört!
Ich möchte hier gar nichts beschönigen. Fakt ist Fakt: wir haben 1:0 verloren. Aaaaber, wir müssen uns nicht schämen. Die österreichische Elf hätte weitaus schlechter spielen können. Also alles in allem kein Grund, seine österreichische Identität zu leugnen.
Stolz fahre ich also weiterhin mit meiner österreichischen Fahne am Auto durch München. Ich trotze den hämischen Blicken der Piefke Deutschen, wenn sie an der Ampel meine Nationalität in Augenschein nehmen. Ich lächle mild an der Kasse im Baumarkt, wenn die Kassierin auf meine Nachfrage nach einer österreichischen Fahne fürs Auto lakonisch meint: “Die wäre doch viel zu teuer für die paar Tage, die man sie nutzen kann…” Ich überhöre sogar die Kommentare meiner deutschen, besseren Hälfte über die Fussballeigenschaften der Österreicher.
Ich ertrage alles mit Stolz und Würde und Anstand.
Eines wurde mir dann allerdings zuviel:
Sohn P. – vor drei Tagen noch mein alleiniger Lieblingssohn ob seiner absoluten und einzigen Treue zu Österreich – verkündet im Kindergarten lautstark, dass er ab sofort Deutschland die Daumen drücke, da ja Österreich gestern verloren habe.
Ich habe heute im Baumarkt sofort ein winzigkleines Gartenhäuschen gekauft. Dort sitzen nun A. und P. drinnen und warten auf das Ende der EM. Gewinnt Österreich den Titel, dann werde ich mildtätig gestimmt sein und sie wieder reinholen. Sollten wir die Vorrunde nicht überstehen – nun denn, Pech gehabt. Hochverrat wird nun mal hart bestraft!
Bettina S., 33 Jahre, verheiratet mit einem Bayern, 2 Söhne (P. 6 und A. 4 Jahre), wohnhaft im Süden Deutschlands UND Österreicherin - mit Leib, Seele und was sonst noch dazu gehört!