Archiv für Juli 2008

27
Jul
2008

Ärzte & Kranke

von Bettina

In ein Krankenhaus begibt man sich als Frau meistens aus zwei Gründen: a) man gebärt b) man ist krank. Beide Gründe eignen sich nicht wirklich zum männlichen Ärztecheck. Der Gebärvorgang sollte an und für sich als Tabugrund schon reichen – zum Schäkern ist einem im Kreissaal sehr selten zu mute.

Wenn man so siechend und kränklich wie ich eine Krankenhausstation für längere Zeit beehrt, dann riskiert man natürlich schon das eine oder andere Auge auf die behandelnde Ärzteschar. Gilt doch noch immer diese Mär vom gut situierten Herrn Professor und den daraus resultierenden Gartenparties für die attraktive Frau Gemahlin – gemeinhin Charity-Lady genannt. Da ich neben putzen, kochen & Kinder erziehen ja noch immer die wahre Bestimmung in meinem Leben suche, versuchte ich mir im entzündeten Hirnhautwahn ein Gartenpartyleben an Seite meiner betreuenden Ärzte vorzustellen.

Sehr schwerer Fehler.

Hatte ich doch zwei wesentliche Punkte außer Acht gelassen.

1) Ich musste sehr starke, sedierende Medikamente zu mir nehmen. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit war meine Bewußtseinsebene für mehrere Tage ziemlich verrutscht – was natürlich jeder mitbekommt, außer derjenige, der gerade in den medikamentösen Orbit geschossen wird.

2) Ob meiner Lichtempfindlichkeit trug ich den ganzen Tag keine Brille, vergrub mich unter meiner Bettdecke und lugte nur ab und zu raus, wenn eine Konversation es unbedingt erforderte. Kein-Brille-Tragen bei knapp 4 Dioptrien hat zur Folge, dass selbst Quasimodo im Scheinwerferlicht aussieht wie George Clooney bei Kerzenschein.

Wenn man jetzt auch noch bedenkt, dass die Attraktivität einer Frau nicht linear größer wird im Verhältnis der Schwere ihrer Krankheit, dann muss ich eingestehen, dass die Chancen gegenseitiger Liebesbekundungen bei – 1000 % lagen.

Größtenteils gesundet und gestärkt kehrte ich also nach Hause in den Schoß meiner Familie. Wie wunderbar. Sie besuchten mich, obwohl ich verwirrt, halb blind, sabbernd und zerzaust in meiner Höhle hauste und bereiteten mir zu Hause eine großartige Gartenparty mit Sandkuchen, Sandeis und Sandburg.

Zu meinem Mann darf ich jetzt übrigens Professor sagen.

Und eine Schwesterntracht habe ich schon bestellt.




26
Jul
2008

Sieger

von Bettina

Immer, wenn mein Körper beschließt ein wenig zu kränkeln, kommt mir jemand zuvor. Schnupfen kündigt sich an – drei Sekunden vorher schallt es von einem der Kinder: “Oh, mir geht es schlecht – ich werde krank!”. Akuter Herzinfarkt meinerseits droht – fünf Sekunden vorher verkündet Mann, dass er ein nahendes Fieber ahne. Alles in allem, schaffe ich es nie wirklich krank zu werden und dann auch mal zu sein.

Freitag, 18.7.2008, 07.08 Uhr:

Mann seufzt leidend zu mir herüber

“Mir geht es gar nicht gut. Ich glaube, ich werde krank!”

Oh nein, diesmal kommt mir niemand zuvor. Diesmal möchte ICH krank sein.

“Mir wurscht. Ich habe solche Kopfschmerzen. Du kümmerst Dich um die Kinder, ich kann mich nicht mal mehr bewegen!”

Um dem ganzen Szenario auch genügend Theatralik zu geben, vereinbare ich flux einen Termin beim Hausarzt. Lasse mich – im wahrsten Sinne des Wortes – dorthin schleifen. Setze mich apathisch vor die Ärztin und erzähle ihr lallend von Nackenschmerzen, Sehstörungen, Kopfschmerzen und Übelkeit.

Ich fühle mich siegessicher, mit dieser großartigen Vorstellung muss ich als krank gelten dürfen. Geht gar nicht anders. War ja Oscar-verdächtig.

Die Ärztin ist so beeindruckt, dass sie mich in die neurologische Ambulanz überstellt. Dort brilliere ich weiter – kann kaum noch gerade laufen, meine Arme gehorchen mir nicht mehr, ich kann kaum noch schauen und für die einfachsten Antworten brauche ich gähnend lange Augenblicke.

Ich bin gut. Wirklich sehr gut.

So gut, dass der Arzt gleich eine Lumbalpunktion anordnet. Übertrieben, aber bitte, ich will ja das lustige Spielchen nicht zerstören.

Eine halbe Stunde später stand der eindeutige Gewinner dieser lustigen Krankenrunde fest:

Hirnhautentzündung!

Sieger!!!




10
Jul
2008

Lernen

von Bettina

In einschlägigen Magazinen liest man andauernd von Eltern, die ihren Kindern so unendlich dankbar sind, weil sie unglaublich viel von ihnen lernen. Güte, kindliche Weisheit, Neugierde, Ehrlichkeit… Nun ja – bislang trat diese Dankbarkeit bei mir nicht auf. Ich kann bis dato eher auf ein erweitertes Schimpfwortrepertoire verweisen.

Bis heute.

P. bastelt seit gestern Lesezeichen. Selbstgeschnittene Papierstreifen, die er mit dem Kunstverständnis ein 5jährigen bunt bemalt hat.

Nun sitzt er seit 45 Minuten vor unserem Haus am Gehsteig und versucht sein gebasteltes Lesezeichen für zwei Cent zu verkaufen.

Die Leute radeln an ihm vorüber, sie gehen an ihm vorüber. Er spricht jeden an. Wenige reagieren mit einem “Nein Danke!”. Die meisten ignorieren ihn und schauen weg.

Und er sitzt da. Lächelt. Ist stolz auf sein Lesezeichen. Und unbeirrbar darin, dass es jemanden geben wird, der es ihm abkauft.

Heute habe ich etwas gelernt. Ausdauer, Mut, Selbstbewußtsein und Zielstrebigkeit.




Besitzerin

Bettina S., 36 Jahre, verheiratet mit einem Bayern, 2 Söhne (P. 7 und A. 5 Jahre), wohnhaft im Süden Deutschlands UND Österreicherin - mit Leib, Seele und was sonst noch dazu gehört!

Juli 2008
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