Eine Erklärung vorweg: die letzten Wochen herrschte in München kaltes, deprimierendes, regnerisches Wetter!
Gestern, Sonntag, zwei Tage nach dem „Tag der Deutschen Einheit” – der 6. Oktober. Es schien die Sonne. Schon morgens um 07.00 Uhr war ich unglaublich irritiert, weil plötzlich und ohne Vorwarnung Licht – natürliches Sonnenlicht – zwischen den Ritzen unserer Rollläden durchschien.
Nach wenigen Minuten dieses wunderschönen Tages stand fest: wir gehen ins Hallenbad. Schließlich muss Kind P. seine Schwimmpraxis verfestigen – egal welches Wetter draußen herrscht. Im Bad war kaum etwas los – komisch. Wegen dem vorherrschenden Schnupfen in unserer Familie bestand auch sehr schnell das Verbot mit nassen Haaren nach draußen zu schwimmen. Warum auch, drinnen im chemischen Chlordampf unter Neonröhrenlicht war es auch schön.
Das sonntägliche Bad wurde ohne ertrunkene Kinder oder nennenswerte Wasserschäden beendet und schon folgte der großartige Einfall Nr. 2: Oktoberfest.
Vom feuchtfröhlichen Wiesn-Gelage der Mutter letzte Woche blieben noch einige Maß-Gutscheine und zwei Essensgutscheine über. In Zeiten aufkeimender Rezession mehr als ein Grund, die Gutscheine aufzubrauchen. Kann man solch kostbares Gut wie Gratisessen und Gratistrinken doch nicht einfach verfallen lassen. Noch dazu gab ein Freund den Tipp „…der letzte Wiesnsonntag ist der beste. Da ist kaum noch was los. Das ist der beste Tag, um mit den Kindern hinzugehen!”. Ob dieser Tipp auch für sonnige, warme letzte Sonntage gilt, sei dahingestellt.
Angekommen auf der Theresienwiese begrüßte man uns mit den Worten „Der Westeingang wird in einer Minute wegen Überfüllung der Wiesn geschlossen”. Selbst da blieben wir noch frohen Mutes und eroberten das Oktoberfest, als gäbe es kein Morgen des Feierns mehr. Zielsicher schleiften wir die maulenden Kinder durch gefühlte Milliarden von Menschen mit nur einem Ziel vor Augen: das Winzerer Fähndl zu erreichen. Hunger ist eben ein guter Motivator.
Vor uns prangte nach einiger Zeit das große Paulaner Zeichen und irgendwo an der Mauer der kleine Zusatz „Winzerer Fähndl”. Dass oben am Haus in riesigen überdimensionalen Lettern „Armbrustschützenzelt” lies uns nicht aus der Ruhe bringen. Wir kamen sogar rein. Eroberten neben vier betrunkenen Italienern einen Platz und freuten uns wie die Schneekönige, dass wir unseren Kinder so eine großartige Abwechslung bieten. Lärmende, laute Musik, grölende, besoffene Menschen und eine stickige, düstere Atmosphäre, während draußen wunderschön sonniges, beschauliches Herbstwetter herrscht. Wir bestellten Bier für die Eltern, Apfelsaft für die Kinder, ein Hendl, ein Beuschl und eine Portion Kaiserschmarrn.
„Die Essensgutscheine gelten hier aber nicht. Da sind sie im falschen Zelt. Das ist das Ambrustschützenzelt. Das Winzerer Fähndl ist ein paar Häuser weiter. Wollen Sie wechseln?”.
Nein Danke, wollten wir nicht.
Die Blicke meines Mannes waren vielsagend. Seine Worte waren unmissverständlich „Du warst doch am Dienstag da. Kannst Du Dich denn nicht mehr erinnern, wo Du reingegangen bist?”
Nein leider, konnte ich nicht mehr.
Egal. Man muss manchmal einfach das Beste aus einer Situation herausholen. Das Essen war gut und die Stimmung bombastisch. Leider fand Kind P. gerade diese bombastische Stimmung so beängstigend, dass er heulend auf Mamas Schoß lag und mit seinem Geheule die lustige Musikkapelle um etliche Dezibel übertraf. Kind A. stellte sich währenddessen auf die Bierbank, hob seinen Apfelsaft in die Höhe und schrie „Hm, lecker Löwenbräu!”

P. heulte immer mehr, A. schrie immer mehr und Vater und Mutter kippten ihre (Radler-)Maß, um das schlechte Gewissen einigermaßen zu unterdrücken.
Wir verließen dann auch irgendwann wiedermal das Zelt, versprachen P. nie wieder mit ihm so ein Gelage aufzusuchen und überlegten uns, ob wir das bierselige Verhalten von A. unserer Erziehungsberaterin mitteilen sollten.
Fazit dieses wunderschönen, sonnigen, warmen Tages: drei Stunden Hallenbad, eine Stunde in den öffentlichen Verkehrsmitteln und 1 ½ Stunden im falschen Winzerer Fähndl.
Wenigstens haben wir keinen Sonnenbrand bekommen und waren nicht dieser schädlichen Ozonstrahlung ausgesetzt.
Bettina S., 33 Jahre, verheiratet mit einem Bayern, 2 Söhne (P. 6 und A. 4 Jahre), wohnhaft im Süden Deutschlands UND Österreicherin - mit Leib, Seele und was sonst noch dazu gehört!
