Als Kind saß ich unter dem Schreibtisch meines Großvaters auf dem Postamt und sah dem lustigen Treiben begeistert zu. Ein ständiges Kommen und Gehen. Briefe ohne Ende, freundliche Schalterbeamte, jeder Kunde wurde gekannt und zahlreiche Kundschaft, die sich zum Telefonieren in eine kleine gläserne Kabine zurückzog und Gespräche in die große weite Welt anmeldete.
Die antiken Zeiten sind vorbei – einiges hat sich geändert.
Spätestens als ich selbst in die große weite Welt zog, wurde mir klar, dass nicht jeder Schalterbeamte jeden Kunden kennt, sondern dass das durchaus als dörfliches Phänomen zu bezeichnen ist. Auch das Kommen und Gehen hat sich einigermaßen verändert. Heute ist es eher ein Stehen und Warten bis man an den heißbegehrten Schalter vorrücken darf, um sein Anliegen vorzutragen.
Aber selbst dann ist noch nicht gewährleistet, dass wirklich freundliche Schalterbeamte auch wirklich engagiert und fachlich wissend einem weiterhelfen wollen. Manchmal ist das fehlende Wollen durchaus auch ein mangelndes Können.
Letztens zum Beispiel widerfuhr mir doch wirklich etwas sehr Lustiges. Eine Benachrichtigung lag im Briefkasten – ich möge mir doch bitte einen Wertbrief bei Postamt XYZ abholen. Nein, leider kein Erbschein der verblichenen Erbtante, sondern dringend benötigte Bahntickets.
Tapfer stellte ich mich beim Postschalter im Supermarkt – auch so eine neumodische Entwicklung – an. Nach geraumen 15 Minuten war ich auch schon dran, legte meinen Abholschein hin und sah sogleich in ein ratloses Gesicht:
“Aber wir dürfen keine Wertbriefe aushändigen!”
“??? Wie bitte? Aber ich habe hier doch den Abholschein, dass ich den Brief hier bei ihnen abholen soll?!”
“Da hat wohl der Postbote den falschen Schein eingeworfen, bei uns dürfen wir das nicht. Moment – ich seh mal nach, ob der Brief überhaupt da ist. …… Ja, da ist er ja.”
“Schön, dann kann ich ihn ja mitnehmen?”
“Nein, den darf ich ihnen nicht aushändigen.”
“Wie? Der Brief liegt 5 Zentimeter vor mir und sie dürfen ihn mir nicht geben? Wie krieg ich ihn denn dann?”
Die zwei Postbeamtinnen beraten sich intensiv und mehr verwirrt als wissend.
„Also, der Brief wird in ein anderes Postamt geschickt und da können sie ihn dann morgen abholen.”
„Das ist mir zu gefährlich. Da sind Bahntickets für übermorgen drinnen.”
„Oh! Das ist ja was. Na dann ruf ich mal wo an.”
Eine Postbeamtin telefoniert und die Kollegin hängt wie verzaubert an ihren Lippen, während Kundschaft um Kundschaft hinter mir ansteht. 20 Minuten und viele eingeworfene „Aber das versteh ich jetzt nicht…” später erstrahlt vor mir die Postbeamtin des Supermarktes und verkündet:
„Na gut, wenn die es so wollen, dann stelle ich ihnen den Wertbrief eben als Einschreiben aus.”
Nach über 40 Minuten zog ich glücklich von dannen. Meine Bahntickets in der Hand haltend ging ich an einer etwa 30 Meter langen Warteschlange vorbei, als ich vom Schalter den stimmlichen Schalmeienklang der Schalterbeamtin vernahm
„Tut mir leid. Jetzt ist es 12.00 Uhr. Der Schalter wird für eine Stunde Mittagspause geschlossen.”


Bettina S., 33 Jahre, verheiratet mit einem Bayern, 2 Söhne (P. 6 und A. 4 Jahre), wohnhaft im Süden Deutschlands UND Österreicherin - mit Leib, Seele und was sonst noch dazu gehört!
