von Bettina
Deutschland beklagt einen akuten Kindermangel. Das Thema ist allgegenwärtig. Die Lösungsvorschläge, Gegenmaßnahmen und Erklärungen auch. Demographische Horrorszenarien begleiten uns durch alle Medien und stellen uns vor die Alternativen: entweder wir kriegen Kinder wie die Karnickel oder wir haben im Alter niemanden, der uns das Essen bringt und uns spazieren führt.
Ich persönlich schleiche um dieses Thema rum wie eine wissende Unwissende und weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Was ich davon halten soll.
Bin ich doch eine Ausnahme – ich habe 2,0 Kinder, dass sind immerhin 0,7 Kinder mehr, als die durchschnittsdeutsche Frau hat.
Warum ich zwei Kinder habe und andere Frauen erst gar keine Kinder wollen, kann letztendlich nicht nur an den intellektuell bedingten Karrierewiedereinstiegsschwierigkeiten und dem gesellschaftlich vorgegebenen Mittelschichtstandard liegen. Von diesen Klischees ausgehend, dürfte ich nämlich auch keine Kinder haben. Warum also haben wir dennoch zwei Kinder bekommen?
Jetzt endlich habe ich ein Buch erhalten, das dieses Thema so aufbereitet, dass ich etwas damit anfangen kann: Iris Radisch – Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden.

Sie führt keine Statistiken oder Grafiken an, um den Lesern diese Thematik näher zu bringen. Es sind einfach die unzähligen Dinge, die Familien betreffen und ihre logischen Schlussfolgerungen. Worte einer klugen Frau, die das ausspricht, was manch einer sich bloß denkt.
Es ist gibt nicht EINEN Grund, der Deutschland so kinderarm macht. Es gibt viele und vor allem sehr unterschiedliche Gründe. Und es gibt nicht EINE Lösung, sondern es gibt viele Lösungen. So individuell der Mensch ist, so individuell ist auch seine Vorstellung von glücklicher Familie. Eines jedoch ist klar. Eine Bundesregierung hat nur einen kleinen Handlungsspielraum und einen unmerklichen Anteil daran, die Gebärfreudigkeit der deutschen Frauen zu steigern.
Ilse Radisch integriert in ihr Buch alle Themen, die etwas mit Kinderlosigkeit zu tun haben:
Verhütungsmittel, industrielle Revolution, neues Rollenbild der Frau und die Ohnmacht der Männer damit umzugehen, egoistische Angst davor sein gewohntes Leben zu verlassen, mediale Suggestion nicht vorhandener Scheinwelten, mediale Suggestion von permanent kinderlosen wunderbaren Lebenssituationen, Entfernung von der Natur, etc. pp.
All die Dinge sind nicht schrecklich – im Gegenteil – die Emanzipation der Frau zum Beispiel ist ein Zustand, den wir bestimmt nicht ins Jahr 1950 zurückversetzen wollen. Wir wollen mit Sicherheit auch nicht mehr die Waschmaschine, das Handy oder das Internet missen und die locker-leichte Fernsehdroge aus Amerika möchte ich schon gar nicht aufgeben. Aber die Summe all‘ dieser Dinge ist es vielleicht wirklich, was mitunter die Gebärfreudigkeit einfach hemmt.
Weiters spricht sie auch an, dass Frauen sehr stark vorgelebtes Leben weiterleben. Töchter aus kinderreichen, selbstbewussten Familien finden vielleicht somit auch leichter in eine selbstbewusste Mutterrolle hinein, als Töchter aus weniger idealistisch vorgelebten Familienbildern.
Und es gibt natürlich auch Männer, die die aufkeimende Fortpflanzungsfreudigkeit junger, intelligenter Frauen hemmen. Wie sollen sie eine Familie ernähren und zusammenhalten können, wenn sie mit 35 Jahren erst zaghaft in die zahlende Wirtschaft einsteigen und sich da mit unzähligen Wochenarbeitsstunden profilieren müssen? Wie sollen sie diesem Verantwortungsdruck gerecht werden, von dem sie noch nicht mal wissen, ob es sich wirklich lohnt? Wie sollen sie Verantwortung übernehmen können, wenn sie selber zu Hause vielleicht nicht das Vorbild eines idealen Vaters hatten? Und wie sollen sie in einer Welt voller reizbarer Angebote wissen, ob das vorhandene weibliche Pendant auch wirklich für Fortpflanzung & Familie das Optimale ist?
Da stellt sich mir wieder die Frage, warum wir zwei Kinder haben?
Es gab keinen Grund, es gab keine Gespräche, wie und ob es machbar sei. Wir haben nicht darüber diskutiert, wer seine Karriere hinten anstellt und die Kinder durch die ersten Jahre manövriert. Wir haben glaube ich nicht mal viel darüber nachgedacht.
Wir haben sie einfach bekommen, weil wir sie wollten!
Man kann sich ja sowieso nicht vorstellen, wie das Leben mit Kindern ist, bevor man welche hat. Manch vorher festgelegte Ansichten über Erziehung, Vereinbarkeit mit Job, immerwährenden Fortbestand der innerehelichen Erotik, Beibehaltung sämtlicher kinderlosen Freundschaften, kinderunabhängiger Freizeitbeschäftigung oder banale Alltagsgestaltung und Rollenverteilung revidiert man unglaublich schnell und legt neue Ansichten fest, die man Jahre später wiederum revidiert.
Es gibt letztendlich doch dutzende Modelle, wie man als Familie glücklich sein kann. Bei mir war die Tatsache, dass ich in jungen Jahren sehr viel und sehr erfolgreich gearbeitet habe ausschlaggebend dafür, dass ich mit 28 Jahren gewollt und entspannt Mutter wurde und für einige Jahre auch gewollt zu Hause blieb. Hätte ich studiert, würde ich wahrscheinlich auch bereits Kinder haben. Ich hätte sie vermutlich während dem Studium bekommen (welches sowieso bei mir länger gedauert hätte als bei den meisten), hätte mich irgendwie durchgewurschtelt. Oder vielleicht würde ich mich auch erst jetzt mit dem Gedanken tragen, welche in die Welt zu setzen. Egal – Kinder wären auf jeden Fall ein fester Bestandteil meines Lebens.
Und ich bin auch so selbstbewusst und intelligent zu wissen, dass ich nach den ersten Jahren bei meinen Kindern zu Hause, alle Möglichkeiten der Welt habe, wieder erfolgreich zu werden.
Etwas naiv, werden einige aufschreien!
Vielleicht.
Aber ich gehe noch immer davon aus, dass man die Ziele erreicht, die man sich vornimmt und für die man kämpft. Und schlussendlich ist „erfolgreich sein“ auch Definitionssache eines jeden einzelnen. Was für den einen die Vorsitzende im Kindergartenelternbeirat ist, das ist für die andere der Vorstandsvorsitz in einem Weltkonzern. Wichtig ist doch nur, dass man seinen inneren Anspruch erfüllt.
Etwas irritieren mich auch die immer wiederkehrenden Reaktionen von Menschen in meinem Umfeld. Wenn ich mich freudig feiernd den Wogen der Nacht hingebe und in vollsten Zügen mein noch junges Leben genieße, dann schallt mindestens einmal in so einer Nacht an mein Ohr: „WAS? Du bist verheiratet? WASWASWAS DU hast zwei Kinder!“
Ja du meine Güte, wie müssen wir Mütter den sein? Fette, hässliche, biedere Grampen, die nicht tanzen, trinken, diskutieren und wunderbar sein können?
Vielleicht ist es diese kleine Tatsache ja, die Menschen davon abhält Kinder in die Welt zu setzen. Vielleicht haben sie Angst davor den Spaß und die Freude zu verlieren. Zu verblöden und zu verfetten. Und in einem Jahrzehnt vor den Ruinen ihres Lebens zu stehen – was ihnen selbstverständlich bei Kinderlosigkeit erspart geblieben wäre.
So kann es sein. Muss aber nicht.
Letztendlich verlangen alle Entscheidungen ein Kind in die Welt zu setzen eines: Mut.
Es gehört Mut dazu in ein so fremdes Leben zu springen. Sich soviel Verantwortung anzutun, wo man doch gar nicht weiß, wie das wird. Ein vermeintlich glückliches, intellektuell ausgefülltes und anspruchsvolles Leben einzutauschen gegen Kleinkindalltag und Familiensorgen. Und dann wiederum die tägliche Kraft aufzubringen die Freude und den geistigen Anspruch aufrecht zu erhalten.
Vieles habe ich mir vielleicht auch anders vorgestellt. Leichter, beschwingter, idealistischer.
Aber ich war nie soweit, es bereut zu haben.
Und vielleicht kann ich deswegen nicht verstehen, warum Deutschland unter Kindermangel leidet.
Vielleicht wissen einfach noch zu wenig junge Frauen und Männer, dass man beides haben kann:
Kinder & ein großartiges, abwechslungsreiches Leben!
von Bettina
Ich habe dazu gelernt. Ich weiß jetzt, dass man zu Berlinern nicht freundlich sein darf, um von ihnen freundlich behandelt zu werden.
Gestern, auf einer unserer unzähligen Fahrten zum Flughafen, schallt es lieblich von der Rückbank:
“Mama, ich Pisi machen…”
“Oh, alles klar A. – trainiere deinen Schließmuskel und halte bis zum Flughafen durch.”
“Ja Mama. ….. Mamaaa, ich nicht Hose Pisi mache….. Mamaaaa, ich Pisi mache….!!!”
Letzterer Ausruf bewog mich nun doch, im Berliner Autobahndschungel vorbildlich am Pannenstreifen zu halten, und mein Kind, in der Hocke hochhaltend, in die Büsche pinkeln zu lassen. Zwei Sekunden später hält neben mir die Polizei. Mit eingeschaltetem Blaulicht. Was zur Folge hat, dass A. nicht pinkeln kann, weil er zutiefst ergriffen das Polizeiauto mit Blaulicht betrachtet.
Beugt sich eine grimmig dreinblickende Dame aus dem Fenster und schnauzt:
“Wat isn da los? Wat machn se da?” (Tonfall einer völlig genervten Polizistin)
“Nach was siehts denn aus? Hätte ich ihn ins Auto pinkeln lassen sollen?” (Tonfall einer völlig genervten Mutter)
Da lächelt mich die Polizistin an und lässt mich friedlich von dannen ziehen!
So geht das also – Lektion gelernt!