Archiv für die Kategorie 'Reisen'

09
Sep
2009

Die Bahn & ich

von Bettina

Die Bahn und ich wir verstehen uns nicht. Wir verstanden uns noch nie gut und dennoch können wir nicht voneinander lassen. Eine Hassliebe, die einfach kein Ende findet.

Schon als Schulkind habe ich prinzipiell Züge verpasst, bin in falsche Züge eingestiegen oder bin allein schon am Kauf einer Fahrkarte gescheitert.

Wie so oft – das Leben wiederholt sich.

Gestern trat ich alleine eine große Reise an: von Offingen nach München mit der Bahn. Reguläre Fahrzeit: 1:41 Minuten. Die Nacht zuvor schon konnte ich vor Aufregung kaum schlafen.

Erste Hürde war geschafft, ich hatte nicht verschlafen. Selbst der Ticketkauf funktionierte reibungslos. Ein “Bayern-Ticket” für 28 € stolz in den Händen haltend schlief ich friedlich ein bis eine freundliche Schaffnerin Zugbegleiterin meine Fahrkarte sehen wollte.

Sie, des Bayern Ticket gilt erst ab 09.00 Uhr. Jetzt ist es aber erst 07.55 Uhr!

Schön. Mit einem Wissen mehr und einer Strafe von 40 € trat ich fröhlich die Weiterreise an.

Die Rückfahrt sollte um 13.41 Uhr beginnen. Dazwischen lag ein 2 stündiger Termin und ein kurzes Mittagessen. Perfekte Zeiteinteilung – bald würde ich meinen Kurzurlaub fortsetzen können.

Falsch gedacht. Mit dem ICE darf man nämlich auch nicht fahren, wenn man das Bayern Ticket hat. Nächster Zug 14. 33 Uhr. Dazwischen musste ich einkaufen gehen, um die Zeit totzuschlagen und nicht am Bahnhof zu randalieren. Ein Paar Stiefel später ging die Rückfahrt los.

50 Meter.

Stillstand.

Triebwerksschaden.

Nächster Zug fährt um 14.58 Uhr. Heillos überfüllt. Fenster nicht zu öffnen. Ich saß in der prallen Sonne. Nach 55 Minuten erbarmte sich ein Mitfahrer und bot mir seinen Schattenplatz an, “weil ich schon so furchtbar rot im Gesicht sei…”.

Umsteigen in Augsburg. Nächster Anschlusszug geht erst wieder in 35 Minuten. Den vorigen hatte ich um 2 Minuten verpasst, weil auf den Bahnsteigen nicht herauszufinden ist, wo und wann welche Züge wohin fahren.

Im letzten Zug meiner wunderbaren Reise saßen neben mir junge jugendliche Menschen in bierseliger Laune. Meinem Sitznachbarn war heiß. Fröhlich fächelte er sich mit seinem T-Shirt Frischluft zu und kommentierte jede Bewegung.

Puh. Mir ist heiß. Ich glaub’ ich transpirier…!

Ja mein Bester. Tust du. Und nicht gerade zu wenig. Also hör bitte auf, mir ist schon leicht schlecht…

Der junge Mann war nach der Lektion “keinen Schweißgeruch im Zug verbreiten” zwar etwas verschämt errötet, aber der Gestand reduzierte sich sogleich auf erträgliches Maß allgemein grauslicher Zugluft.

Um 17.30 Uhr war ich dann zu Hause und erfuhr sogleich, dass ich sowieso das falsche Ticket gekauft hätte. Ein Bayern-Single-Ticket hätte gereicht und wäre um 10 € billiger gewesen. Wenn auch ungültig.

Was lerne ich also daraus? Ich bin zu dumm zum Bahnfahren. Da muss man zu viel schauen und denken und eigeninitiativ sein. Weil wenn man es nicht ist, dann kostet es zu viel und dauert zu lange.

Allerdings haben mich die unglücklichen Umstände direkt zu wunderbaren Stiefeln geführt. Kann man die eigentlich der Bahn in Rechnung stellen als “zwecktherapeutische Übersprunghandlung während unplanmäßiger Wartezeit”?




31
Mrz
2009

Almwelt Austria

von Bettina

Ich muss zugeben, dass sich bezüglich Skifahren nicht nur das Material und die Skigebiete geändert haben – nein, an einem selbst ging die Spur der zeitlichen Veränderung natürlich auch nicht vorüber.

Genügte es mir früher vollkommen mit 15 Menschen einen Schlafraum zu teilen, das Gesicht morgendlich im kalten Schnee zu erfrischen und fünf Tage hintereinander die klammen, feuchten, drückenden Skischuhe anzuziehen, so ist mein Anspruch auf Luxus und Wohlbefinden heute doch um einiges anspruchsvoller geworden.

  • Direkt an der Piste soll es sein (Was völlig hirnrissig ist, wenn man mindestens ein Kind hat, das noch nicht Schifahren kann!).
  • Ein freistehendes Hütterl soll es sein, um nicht eine morgendliche Idylle vortäuschen zu müssen, die es nicht gibt und um sich den täglichen Benimmkurs im Restaurant zu ersparen.
  • Blick auf die Berge soll es geben.
  • Schnee ohne Ende gleich hinterm Haus, damit man mindestens einen Iglu bauen kann.
  • Einen Wellnessbereich mit Massage, damit die Erwachsenen auch ein wenig den Erholungsfaktor spüren können.
  • Und am besten auch noch eine Sauna und einen Whirlpool im Haus, damit die Kinder jeden Abend komatös ins Bettchen fallen.

Gott sei Dank haben wir die ideale Herberge für unsere unterschiedlichsten Familienansprüche an einen Skiurlaub gefunden.

Die Almwelt Austria auf der Reiteralm.

Ein idyllisches Juwel in mitten der großartigen Bergwelt.

Blick auf den Dachstein

Allein schon der Blick auf den Dachstein ist eine Reise auf die Reiteralm wert. Der Blick ins Tal entfaltet allerdings nur dann seine volle Wirkung, wenn man inbrünstig dazu gröltsingt:

[...]
Und wann der Schnee staubt und wann die Sunn scheint
Dann hob’ i olles Glück in mir vereint
I steh’ am Gipfel schau obi ins Toi
A jeder is glicklich, a jeder fühlt si woi
[...]

Almwelt Austria

Die Hütte selbst ließ keinen Wunsch offen. Innen fühlten wir uns Dank Kachelofen, Sauna, Whirlpool und gemütlicher Betten so wohl, dass wir erst nach Androhung einer saftigen Strafe die Hütte nach einer Woche räumten. Und außen wurde extra Schnee rundherum so hoch aufgeschüttet, damit die städtisch aufwachsenden Kinder endlich mal ein naturliches Highlight erleben. Oder war es doch der starke Schneefall von oben?

Iglu

Seis drum – wir konnten auf jeden Fall den geplanten Iglu bauen. Oder besser gesagt, wir hatten es wirklich vor. Weiter als bis zu den mannskinderhohen Wänden kamen wir allerdings nicht. Die Kinder waren trotzdem beeindruckt und wir ob des folgenden Muskelkaters auch.

Alles in allem ein sensationell schöner Urlaub. Die Unterkunft war wunderbar. Die Pisten waren großartig. Das Essen österreichisch-großartig-gut. Und die Kinderskikurse waren so lehrreich, dass sogar A. mittelschwere Pisten runterkommt, alleine mit dem Tellerlift fahren kann und sich dabei trotzdem – Dank passendem Pausenprogramm – nicht überanstrengen musste.

Raubtiergehege für Skianfänger

Danke für die schöne Zeit in Schladming!




09
Okt
2007

Retz

von Bettina

Meine Liebe zu Retz ist groß. Sie ist so groß, dass andere Orte kaum die Chance haben, von mir gemocht oder entdeckt zu werden. Diese Liebe zu Retz lässt sich fast schon körperlich spüren – ein kribbeliges Gefühl, wenn ich daran denke und ein Glücksgefühl, wenn ich kurz davor bin, da zu sein.

Retz

Was macht Retz so besonders?

Viele Gläser Wein und redselige Menschen brachten mich wiedermal zum Nachdenken.

Man kann es schwer beschreiben. Es ist nicht ein Punkt, der großartig, einzigartig ist. Es sind wohl die vielen versteckten Liebreize, der Flair, der Wein, die Landschaft, die Leute und wahrscheinlich auch die Tatsache, dass ich dort nicht meinen Alltag verbringe und es immer eine Ausnahme darstellt in Retz zu sein.

Retz kann man unglaublich gut entdecken und dann beginnt man einfach, diese Stadt zu lieben. Sein Leben lang. Man kommt nicht mehr davon los.

Es ist wie bei der zwischenmenschlichen Liebe. Man liebt oft und viel, aber es gibt meist nur eine besondere, große und einzigartige Liebe.

Retz ist zum Beispiel so einzigartig, weil es heilen kann. Es hilft einem zu atmen, wenn man vor lauter Kummer und Sorgen keine Luft mehr bekommt. Wenn man zum Beispiel die Stadt hinter sich lässt und Richtung Windmühle den Hohlweg entlang geht. Dann kommt irgendwann auf der rechten Seite das Steinerne Bergerl. Klettert man da rauf, setzt sich auf den Stein mit Mulde und schaut Richtung Rathaus, dann wandelt sich der schlimmste Liebeskummer in einen Urschrei und weg ist er.

Funktioniert. Garantiert. Oft von mir getestet und genutzt!

Gollitsch

Oder der Gollitsch, der Hausberg von Retz. Stolze 230 Meter hoch, kann man dort Schi fahren, rodeln und Rad fahren. Man kann im Gras liegen und die Sonne genießen oder den Mond und die Sterne betrachten. Man kann auf einem Stein sitzen und laut und hemmungslos singen, weil man eine rundum Aussicht auf nahende Menschen hat. Man kann unbeobachtet von Eltern und sonstigen Erwachsenen seine erste Zigarette rauchen, sein erstes Bier trinken und seinen ersten Freund küssen.
Und es gibt sogar eine Hexenküche. Eine Steinformation, die kleinen Kindern auf gar magische Weise das Gefühl vermittelt, in einer eigenen Welt zu sein.

An klaren Tagen kann man von der Windmühle aus, den ca. 200 Kilometer entfernten Schneeberg und die Rax sehen. Und an nebeligen Tagen kann man nicht einmal den Rathausturm sehen, wenn man davor steht. In Retz geht sehr oft starker Wind. Wasser, um ihn sportlich nutzen zu können gibt es jedoch weit und breit nicht.

Ausgehen wiederum ist in Retz sehr vielfältig möglich. Man kann einen Abend gemütlich beim Heurigen verbringen – mit gutem Essen und noch mehr gutem Wein.

Althof Retz 

Man kann gut und gediegen und schön im ehemaligen Gutshof von Retz essen gehen und anschließend in einem Weinlokal ein, zwei, drei oder mehr Fluchtachterl trinken. Am häufigsten aber passiert, dass man eigentlich gar nicht weggehen wollte, nur mal kurz reinschaut und anschließend bei ein, zwei, drei oder mehr Achterl Wein hängen bleibt.
Irgendwie endet alles in Retz immer beim Wein.

Hauptplatz Retz

Es gibt noch soviele Dinge, die Retz einzigartig wunderbar machen. Die Farben in der Landschaft, wenn der Herbst beginnt. Am Hauptplatz in der Sonne sitzen und einen Kaffee trinken. Übers Klosterbrückerl gehen und mit den Fingern an der Steinmauer entlangschleifen. Bei der Windmühle sitzen und ins Land reinschauen. Sturm trinken und den ersten Wein verkosten. Eine Kellerpartie mit Essen und Trinken – mehr als einem gut tut. Der Rummelplatz am Weinlesefest und die Gemütlichkeit auf den Weintagen.

Aber das einzigartigste ist vermutlich, dass ich nach 14 Jahren nicht mehr da wohne und noch immer dort zu Hause bin.

Retz ist wie eine Droge für mich.
Zuviel würde mich vermutlich abstumpfen lassen gegenüber dem Schönen und Einzigartigen dieser Stadt.
Zuwenig wäre für mich eine Entwurzelung, die mich zum Fallen bringen könnte.
Die seltenen, aber intensiven Berührungen mit Retz hingegen füllen mich so gut aus, dass ich wochen-, ja sogar monatelang davon zehren kann.

Da draußen, in der großen, retzlosen Welt!




Besitzerin

Bettina S., 33 Jahre, verheiratet mit einem Bayern, 2 Söhne (P. 6 und A. 4 Jahre), wohnhaft im Süden Deutschlands UND Österreicherin - mit Leib, Seele und was sonst noch dazu gehört!

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